Einen mittelschweren Kulturschock bekam ich neulich, als mich ein bekannter bat ihm bei einer Hausaufgabe zu helfen. Er lernt derzeit Mediengestalter (Print) und bekam die Hausaufgabe eben eine Internetseite zu erstellen. Das Problem für ihn war, dass er exakt Null Ahnung von der Materie hat, verständlich, macht er doch eine Ausbildung im Printbereich und nicht wie ich damals im Non-Print-Bereich wo HTML und CSS zur Ausbildung gehören. Auch wenn ich nicht begeistert davon war jemandem die Hausaufgaben abzunehmen habe ich mir das Material, das verwendet werden sollte, von ihm zuschicken lassen. Nun, die völlig deplatzierte Aufgabenstellung für einen Print-Mediengestalter war danach nur der kleinste Schock.
Denke ich an meine Ausbildung zurück, die schon einige Jahre her ist, fallen mir auch einige Beispiele für Aufgabenstellungen ein, die gestalterisch wohl nicht einmal 1980 viel Anklang beim Kunden gefunden hätten. Zur Verteidigung meiner Lehrer muss ich sagen, dass viele dieser schrecklichen Gestaltungskrücken mehr darauf abzielten uns den Umgang mit den Programmen beizubringen als uns gestalterisch anzusprechen. Was aber im Zip-Archiv lag, das der Lehrer meinem Bekannten und seinen Mitschülern ausgehändigt hat, qualifiziert besagten Lehrer wohl zur Suche eines neuen Jobs.
Da werden Fotos geliefert, wie ich sie nur aus den Fotoalben meiner Eltern kenne: Matte, verfälschte Farben von Stränden, an denen sich Leute tummeln, deren Badebekleidung man ansieht, dass es sich wohl die frühen 90er Jahre waren, als das Foto aufgenommen wurde. Dazu dann ein Logo im EPS-Format. Stolz schwillt die Brust des Lehrers über diese technische Höchstleistung, um anschließend in sich zusammen zu fallen, nachdem klar wird, dass er die verwendete Schriftart weder in Pfade konvertiert hat noch die Schriftart im Archiv enthalten war. Dazu kommen allerlei Buttons und Icons, die ebenfalls wohl kurz nach dem Mauerfall entworfen wurden. Die Frage die sich nun stellt: Wie soll ein Schüler mit diesem Material eine ansprechende Internetseite gestalten? Nicht nur, dass ihm die Ausbildung und die Software dazu fehlt – selbst mir im Non-Print-Bereich wurde das Programmieren mit Dreamweaver oder anderen WYSIWYG Editoren beigebracht – sondern, weil es unmöglich ist mit solchem Material zu arbeiten.
Die Tatsache, dass Berufsschullehrer wohl noch allzu gern 20 Jahre in der Vergangenheit leben statt mit der Zeit zu gehen, Themen wie Facebook und Twitter aufzugreifen und ihr Material wenigstens alle fünf Jahre einmal auf einen aktuellen Stand zu bringen, finde ich schockierender als die PISA-Studie. Dabei ist es heute keine Kunst mehr kostenlos und legal an gutes Bildmaterial zu kommen, sich fertige Buttons und Icons herunterzuladen oder, für die ganz engagierten Lehrkräfte: Selbst Buttons und Icons zu basteln, Tutorials gibt es genug im Netz.

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